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Einsamkeit 2.0 – Wie allein kann man sich noch fühlen?

Kann man noch einsam sein, wenn man 120 Facebookfreund hat? Gerade als Single steht man im täglichen Ringkampf mit der Einsamkeit und versucht besonders mit sozialen Netzwerken gegen sie zu gewinnen. Vielleicht ist dieser Schwebezustand aber auch schlimmer als jede echte Einsamkeit.
einsamkeit 2.0

© uncleboatshoes

Das durchschnittliche Facebookmitglied hat 120 „Freunde“. Je nachdem, wie gesprächig dieser Kreis ist, kann man sich in regelmäßigen Abständen von ihnen unterhalten und informieren lassen. Das Erfahren von kleinen („Aua, ich habe mich geschnitten“) bis riesigen („Hier ist unser 1. Baby!“) autobiografischen Veränderungen ist dabei besser als jede Realityshow. Wir fühlen uns wohl, wenn wir gerade einsam sind und nur unser Passwort kennen müssen, um auf einmal 120 Menschen „nah“ zu sein.

Wir lenken uns aber nur ab. Wir sehen Bilder aus fremden Ländern und vollen Clubs an, kommentieren und freuen uns, wenn wir einen Satz oder ein „like“ zurück bekommen. 1:0 für mich gegen die Einsamkeit!

Soziale Netzwerke dienen aber nicht nur dazu, die Einsamkeit durch Ablenkung schienbar einzudämmen. Das Alleinsein kann wie ein großes Fest zelebriert werden. Zu gern werden Gefühlsregungen nicht zu Magenschmerzen verarbeitet, sondern als Statusnachricht in die Gesichter der anderen geschrieben, die dann nicht wirklich wissen, wie sie zu reagieren haben oder nur oberflächliche Worte finden können.

 

In anderen Communitys oder bei Twitter potenziert sich der Drang des öffentlichen Leidens dann noch um ein Vielfaches, denn man kann fremde Menschen erreichen. Man läuft keine Gefahr jemals von ihnen wegen seines emotionalen Voyeurismus schief angesehen zu werden, weil man nie auf sie treffen wird. Immer ist jemand online. Egal ob durch Verdrängung oder exzessives Ausleben, das Netz ist kein Allheilmittel gegen Einsamkeit. Ich  denke es ist sogar Inkubator für ein ungeahntes Maß an „neuer Einsamkeit“. Eine viel fiesere Form, weil wir sie gar nicht als solches Wahrnehmen.

„Die neue Einsamkeit“

Je mehr Freiheiten wir haben, desto weniger können wir uns entscheiden. Das führt wiederum dazu, dass wir manche Entscheidungen solange aufheben, dass wir sie gar nicht mehr treffen und uns hin und her suhlen in einem Haufen von Zwischenzuständen. Unordentlich gestapelt stehen verpasste Chancen und angefangene Ideen vor uns. Freunde, die wir anrufen wollten oder Treffen, die wir organisieren sollten, werden einfach immer weiter verschoben. Wir sind ja auch nicht wirklich allein und haben deswegen kaum Grund uns auf einen anstrengenden Weg zu machen oder sogar Geld für einen gemeinsamen Cocktail auszugeben. Unsere Freundschaftsbänder werden dünner und wir merken es nicht, weil wir täglich voneinander hören.

Wir glauben uns um unsere Freunde zu kümmern und selbst umsorgt zu werden, weil wir uns mailen, auf die Wall posten oder Gruppen anlegen, um stets infor- miert zu sein. Wie so oft schlägt jedoch die Qualität die Quan- tität. Lebensupdates ohne die dazugehörige Gestik, lässt den Wert und die Einschätzbarkeit der Information sinken. Situationen mit Buchstaben zu überspielen ist nicht schwer. Zu schnell kann man sein Gewissen beruhigen, wenn eine aufmunternde Mail an Singlefreunde verschickt wird. Die Wege zueinander werden eigentlich durch das große An- gebot an Kommunikationsmitteln immer kürzer, doch emo- tional gesehen immer länger. Stimme, Mimik, Gestik und Nähe fehlen ganz einfach, egal wie oft wir uns mailen. Ich will diese ganzen Optionen aber nicht verteufeln!

Als zusätzliche Wege der Beziehungspflege sind sie natürlich ziemlich grandios. Beunruhigend wird es nur, wenn sie fast unbemerkt Telefonate und echte Treffen ersetzen. Ich will nicht nur durch den Instagram-Stream oder die Check-Ins eines Menschen erfahren, wo er gerade ist und was er mit seinem Leben anstellt. Wer fühlt sich denn noch verantwortlich für die Gefühle und das Wohlbefinden von anderen, wenn gleichzeitig 120 Menschen zusehen? Wir bitten auch nicht um Hilfe, denn es sind ja alle immer da. Nur zwei Klicks entfernt. Vielleicht lieber morgen.


Ihr könnt YummyGeeks auch auf Facebook und Twitter verfolgen. Los!

 
7 Kommentare
Marco schreibt
Ich bin jetzt tatsächlich ein bisschen deprimiert, obwohl ich meine greifbaren Freunde gar nicht so sehr vernachlässige. Eigentlich. Die treff ich tatsächlich eher, als dass ich in Communities mit ihnen interagiere. Aber trotzdem, der Trend ist da und den kann man auch nicht wegleugnen. Allerdings sind ein paar eher oberflächliche Freundschaften ja meist auch ganz angenehm. :)
Sorvahr schreibt
Wunderbarer Artikel. Spricht mir komplett aus der Seele.

Das ist einer der Aspekte von Social Networks, den manche Menschen gerne übersehen oder übersehen wollen. Gerade ich selbst habe mich in dem Abschnitt über das "öffentliche Leiden" wiedererkannt, da sind Social Networks natürlich ein Katalysator.

Interessanterweise sind die erinnerungswürdigsten Treffen immer mit Leuten, mit denen ich gar keinen oder nur sporadischen Social-Network-Kontakt habe.
talinee schreibt
Wirklich gut geschrieben, gefällt mir sehr.
Mr.Left schreibt
Schöner Artikel :)
mir fällt es leider auch immer öfters auf, dass bei einigen Personen der soziale Stellenwert von Gesichtsbuch und co sehr verzerrt wird.
Gerade fällt mir auch auf, dass ich den besten Kontakt zu den Menschen habe, die am wenigsten persönliche Dinge auf solchen Netzwerken austauschen/freigeben/aufzwingen.
Soziales erleben ist in einer virtuellen Welt halt nur virtuel und wird virtuel bleiben....
K♥tzbröckchen 07.05. – 13.05. | Kotzendes Einhorn schreibt
[...] Ich hab ein wenig weinen müssen als ich das las. Die Liebe in Zeiten von Web 2.0 – Serie bei Yummy Geeks gefällt mir echt gut. Dieses Mal geht es um Einsamkeit. [...]
Öffentliches Auskotzen | YummyGeeks.de schreibt
[...] nach etwas zu suchen, das uns nicht passt, damit wir Aufmerksamkeit bekommen, weil uns gerade die Einsamkeit 2.0 packt. Es ist so ein flauschiges Gefühl liebe Worte aus seinem geichtslosen Netzwerk zu [...]
pëll schreibt
Ich hatte Dank Facebook (oder früher MySpace) nie das Gefühl weniger einsam zu sein. Im Gegenteil verschwimmt die Intimität in der Öffentlichkeit für mich vollkommen, was zu mehr Einsamkeit führt. Vielleicht ist es mehr Unterhaltung? Positiv ist eher die Möglichkeit für mich, Menschen von einer anderen Seite kennenzulernen, manch eine Person drückt über das Internet vielleicht Charaktermerkmale aus, die außerhalb manchmal keinen Platz finden oder wenig Anerkennung finden, weil die anderen Menschen zu sehr einen Platz einnehmen. Ich habe durch das Internet - bereits vor Facebook - sehr gute Freunde und Liebe gefunden, aber meine Einsamkeit hat es mir nicht genommen. Und das stört mich nicht.

Wenn ich mit zwei, drei Menschen, die ich gerade im Sinn habe, im Chat sitze und wir uns nur sporadisch unterhalten, so sind wir vielleicht "zusammen einsam" und damit doch irgendwie in alleiniger Zweisamkeit. Das gefällt mir.
 
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Anja in Hört auf Konzerte zu filmen! Ein Appell.
...und man selber bekommt das Konzert eher durch die Smartphones der anderen mit, als dass man die Bühne sieht. Macht echt keinen Spaß. Aber soll ja auch Konzerte geben, bei den Aufzeichnungen verboten sind:-) Wenn die Veranstalter oder die Bands die PR wollen, könnten Sie sich ja was einfallen lassen, [...]
Leo in Hört auf Konzerte zu filmen! Ein Appell.
Hey danke für den text sitze gerade an meiner deutschhausaufgabe und dreimal dürft ihr raten worüber. Ja genau eine erörterung zu genau diesem text.
Ich weiß ist etwas unnormal das man die quelle googlet aber es hat mich interessiert ob es den text und diese seite wirklich giebt. Und was soll ich [...]
Thorsten Belzer in Hört auf Konzerte zu filmen! Ein Appell.
Das ist echt ne anstrengende Sache, als Zuschauer immer die Smartphones vorm Gesicht zu haben, Ich wollte genau das, was mich eigentlich nervt an Konzerten, für die Arbeit an diesem Film nutzen! Nämlich alle Konzertmitschnitte einsammeln und daraus ein Musik Video machen. Heraus kam das CrowdMusicVideo!
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