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R.I.P. Anklingeln

Mein erstes Handy hatte eine Antenne. Es konnte genau 10 SMS speichern und hatte fürchterliche monofone Klingeltöne, doch es war eines der romantischsten Technikbesitztümer in meinem Leben. Eine Geschichte aus einer flatratelosen Welt.

anklingeln

© quinn.anya

Mit 13 Jahren bekam ich mein erstes Handy. Das silberne Motorola war zwar bestimmt nicht unbedingt leichter, wenn auch klobiger als mein iPhone, es passte jedoch viel weniger hinein. Wenn man sich vor 10 Jahren zum ersten Mal verknallte, musste man noch Mut haben. Man konnte keine unverfänglichen „Freundschaftsanfragen“, die schon vom Namen her eine Lüge sind, versenden. Schaffte man es trotzdem zu dem Kribbeln im Bauch auch noch die Nummer des Jungen in den Speicher zu bekommen, hatte man nun 160 Zeichen Platz für seine Tagesabläufe, Gedanken und Emotionen.

Auch der Angebetete hatte nur so viel Platz, doch gerade deswegen war man vollkommen konzentriert beim Schreiben der Nachricht und versuchte mit Abkürzungen und Wortwitz hübsch verpackte Zuneigungen zu verschicken. Man bekam nicht mit, welchen Artikel der andere las, was ihm gefiel, welches Essen er zum Mittag bestellt hatte, welches Youtube-Video er lustig fand und vor allem auch nicht, wen er alles kannte. Man bekam 160 kleine Zeichen und man war die einzige, die sie bekam.
Weil das Taschengeld nie für alle Gefühle reichte, musste man sich etwas einfallen lassen: Das Anklingeln wurde geboren.

Man rief den anderen kurz an, ließ es höchstens zwei Mal klingeln und legte dann wieder auf. Es war genug Platz für Fantasien, die einem den Grund des Anklingelns erklärten. Er hat langeweile, er denkt an mich, ihm geht es nicht gut, ihm geht es sehr gut, er vermisst mich, er liebt mich. Das Vergeben von überdurchschnittlich niedlichen Kontaktnamen verdoppelte die Schmetterlinge noch einmal, denn da stand auf einmal sein Name mit vielen Sonderzeichen auf dem Display. Die Liebkosungen leuchteten in Graustufen auf 84×48 Pixeln (erst auf meinem 2. Handy, Nokia 3330) und wir hatten uns ein eigenes Stupsen und Gruscheln geschaffen.

Es gab keine Flats, Tweets, Mails und SMS, die nur einen Satz beinhielten und wir hatten auch keine stündlichen Statusupdates, die sogar bebildert sind, um immer zu wissen, was der andere tut. Wir mussten uns vermissen.
Heute klingelt sich niemand mehr an, außer er erwartet einen Rückruf. Wir lösen das Vermissen auf und wissen dadurch manchmal gar nicht mehr, was wir uns erzählen sollen, wenn wir gemeinsam auf der Wiese in der Sonne liegen, weil wir uns die Woche über ständig synchronisiert haben. Wir müssen ganz schön aufpassen, denn wir sind viel zu verwöhnte Web 2.0 Kinder.
Rest in Peace Anklingeln.

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8 Kommentare
Eileen schreibt
Du sprichst mir aus der Seele...
Mr.Left schreibt
Hmm, schon wieder so ein deprimierender nostalgischer Text =(
Ich muss leider sagen, bei uns gabs diese Anklingelgeschichte nicht. Ich vermisse höchstens dass "hey dein freund hat angerufen. Du sollste ihn zurückrufen" oder "er ruft um 3 nochmal an", als noch nicht jeder handy, geschweige denn eine konstante Internetverbindung hatte und man für Dörferübergreifende Kommunikation noch daheim am Hörer kleben musste (immerhin war der schon Schnurlos bei mir!)
elv schreibt
@ Eileen: Danke dir!

@Mr. Left: Es wird auch noch positiver, versprochen! Die Gedanken mussten aber raus! ( ;
Mr.Left schreibt
yay, das freut mich!
offtopic: Wie schafft man es eigentlich hier seinen Avatar zu ändern?
elv schreibt
@Mr. Left: Wenn du dich z.B. mit deiner Mailadresse bei Gravatar anmeldest ( ;
Mr.Left schreibt
wunderbar! Danke, Danke :) wieder was gelernt
Marco schreibt
Ach ja... ich erinner mich *g*
Vor allem auch daran, dass man auch ja nur alles in einer SMS erzählt, was erzählt werden muss, weil zwei ja vielleicht aufdringlich wären. Und man muss ein paar Minuten warten, damit man nicht zu schnell antwortet, was irgendwie zu needy wirken könnte.

Ein Glück ist das alles vorbei. ;)
marcel schreibt
ich bin alt.
 
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Hey danke für den text sitze gerade an meiner deutschhausaufgabe und dreimal dürft ihr raten worüber. Ja genau eine erörterung zu genau diesem text.
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Das ist echt ne anstrengende Sache, als Zuschauer immer die Smartphones vorm Gesicht zu haben, Ich wollte genau das, was mich eigentlich nervt an Konzerten, für die Arbeit an diesem Film nutzen! Nämlich alle Konzertmitschnitte einsammeln und daraus ein Musik Video machen. Heraus kam das CrowdMusicVideo!
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